Mutig unter dem Schwungtuch der Senioren: Ein „Fröschlein“ traut sich.Michael Bönte, Caritasverband für die Diözese Münster
Kurze Wege für kurze Beine: Nur eine Tür trennt das große Spielzimmer der "Pöggskes" vom Wohn- und Essraum der "Poggen". So nennen sie die kleinen Kinder und die Senioren in Freckenhorst bei Warendorf. "Fröschlein" und "Frösche" heißen die Übersetzungen aus dem Plattdeutschen. Sie sind Namensgeber für ein Projekt, das seit zehn Jahren Kinder im Alter von ein bis drei Jahren und Senioren in der Caritas-Tagespflegeeinrichtung "Poggen und Pöggskes" zusammenbringt.
Die Tür wird mindestens einmal am Tag geöffnet. So wie heute, als zwölf alte Menschen auf den Sofas und Ohrensesseln in einem Halbkreis Platz genommen haben. Kaum ist der Weg frei, wird es quirlig in der Runde. Rutschautos sausen um die Seniorenschuhe, kleine Hände präsentieren Kuscheltiere, Generationen winken sich zu. Und das bunte Schwungtuch kommt zum Einsatz. Als die Senioren es rauf- und runterschweben lassen, trauen sich einige der Kinder, darunter her zu flitzen. Manchmal verschwindet einer der jungen Besucher unter dem Tuch. "Hei, wo ist die Ida geblieben?" Das Lied können alle mitsingen. "Tralleralala…"
"Es kommt unmittelbar eine positive Energie in unsere Runde", sagt Galina Kromm. "Ein richtiger Schub für die alten Menschen." Die Teamleiterin der Tagespflege beschreibt das als "riesigen Gewinn". Für die Senioren, deren Stimmung sich aufhellt, die ihre Lethargie überwinden können und zu Aktivitäten bereit sind, die sie sich sonst nicht mehr zutrauen. "Augen strahlen, ungeahnte Bewegungen sind wieder möglich, Kontakt wird aktiv gesucht." Aber auch für ihr Team: "Natürlich ist es schöner, mit gut gelaunten Gästen den Tag zu gestalten." Im Alltag mit den zum Teil dementiell Erkrankten ist das eine "Kostbarkeit", sagt sie.
Sie erinnert sich an viele Situationen, die beschreiben, welche Kraft diese Begegnungen haben. Da war die alte Dame mit fortgeschrittener Demenz, die mittags immer nach Hause wollte, um für ihre längst ausgezogenen Kinder Essen zu kochen. "Erst wenn sie die kleinen Kinder hier beim Spielen beobachten konnte, verlor sie die innere Unruhe", sagt Kromm. Eine andere Frau kam zu ihnen, nachdem sie in einigen anderen Tagespflegeeinrichtungen wegen ihrer Unruhe nicht bleiben wollte. "Bei uns blieb sie und verbrachte mehr Zeit mit den Kindern als mit den anderen Senioren."
Zwei Welten treffen hier nicht aufeinander. Auch wenn sich das vielleicht vermuten lässt: Auf der einen Seite der Tür stapeln sich Bauklötze auf Spielteppichen, Bilderbücher in Regalen, Bastelutensilien auf niedrigen Tischen. Auf der anderen Seite stehen die Rollatoren in einer Reihe, die Kissen sind auf den Sesseln drapiert, der Esstisch ist akkurat gedeckt. Und doch mischt sich in der gemeinsamen Zeit ein Leben, das zusammengehört. Das spüren alle Beteiligten.
"Die Kinder erleben jedes Mal eine wohlwollende und liebevolle Begrüßung", sagt Julia Stob. Die Kindertagespflegerin kennt den Mehrwert dieser Momente. "Menschen lernen durch Sprache und Interaktion - diese Situationen bieten beides in einer besonderen, aber nur noch selten gepflegten Form." Sie und ihre Kollegin achten darauf, dass die Kinder dabei nicht überfordert werden. "Anfängliches Fremdeln legt sich aber schnell - manchmal entstehen intensive Beziehungen." Dann bauen einzelne Gäste der Tagespflege auch mal einen besonderen Draht zu einem einzelnen Kind auf. "Die laufen dann mit ihrem Spielauto oder Bilderbuch direkt zu ihnen - das sind emotional intensive Augenblicke."
Die kennt auch Rosa Schwarz. Die 92-Jährige ist seit einem Jahr Gast und erlebt immer wieder Situationen, die vertraut sind und ihr damit "gut tun". "Es ist eine wunderbare Normalität", beschreibt sie das. "Eine kindliche Begeisterung, die mich begeistert." Das kennt sie von ihren sieben Enkeln und vier Urenkeln. Oft ist es einfach nur das Zuschauen, der Blickkontakt oder ein Winken, wenn sie von der Terrasse das Treiben auf dem Spielplatz beobachtet. "Am schönsten sind aber die gemeinsamen Feste", sagt sie. "Auf die wir uns auch gemeinsam vorbereiten." Beim Singen mit den Kindern sind die Gefühle für sie besonders intensiv. "Wir kennen die gleiche Melodie und empfinden die gleiche Freude dabei."
Die Tagespflege "Poggen und Pöggskes" ist eines von vielen Beispielen, wie die Caritas das Miteinander der Generationen fördert. Unter dem Motto "Zusammen geht was. Caritas verbindet Generationen" zeigt der Verband im Rahmen seiner Jahreskampagne 2026 die Relevanz der Generationenverbindungen. Weitere Infos und die sozialpolitischen Forderungen unter: www.caritas.de/verbindet.
Von Recke bis Recklinghausen, von Emmerich bis Lengerich - die Caritas im Bistum Münster ist für Menschen in Notsituationen da. Ob Jung oder Alt, Alleinstehend oder Großfamilie, mit Behinderung oder Migrationshintergrund, körperlicher oder psychischer Erkrankung. Unter dem Motto "Not sehen und handeln" sind 80.000 hauptamtliche Mitarbeitende und 30.000 Ehrenamtliche rund um die Uhr im Einsatz. Für die Hilfe vor Ort sorgen 25 örtliche Caritasverbände, 18 Fachverbände des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) und 3 des SKM - Katholischer Verein für Soziale Dienste. Hinzu kommen unter anderem 57 Kliniken, rund 150 Einrichtungen der Behindertenhilfe, 205 Altenheime, 105 ambulante Dienste, 115 Tagespflegen, 27 Pflegeschulen, 89 Kindertageseinrichtungen und 22 stationäre Einrichtungen der Erziehungshilfe.
003-2026 (mib) 21. Januar 2026