Walburga Halbrügge-Schneider mit aufmerksamen Zuhörern aus Kindertageseinrichtungen im Raum Nottuln.Michael Bönte, Caritasverband für die Diözese Münster
Der Blickwinkel ändert sich: Als die 16 Teilnehmenden aus den vier Kindertagesstätten im Nottulner Raum am zweiten Tag ihrer Schulung zum Thema "Systemsprenger - Kinder die ratlos machen" zusammenkommen, geht es um die positive Sicht auf das Verhalten einzelner Kinder. Gestern haben sie sich intensiv damit beschäftigt, was im Alltag mit ihnen nicht funktioniert und welche Grundbedürfnisse daraus ersichtlich werden. Heute werden die Stärken in den Blick genommen - jene Eigenschaften, die nicht selten hinter dem herausfordernden Gesamteindruck verschwinden.
"Wir haben oft eine selektive Aufmerksamkeit", sagt Referentin Walburga Halbrügge-Schneider. "Es ist unfassbar, dass wir Dinge so ausblenden können." Die Diplompädagogin und Krankengymnastin mit psychosozialen Zusatzausbildungen nimmt einen Jungen als Beispiel, über dessen impulsive Reaktionen am Vortag gesprochen wurde. "Suchen wir nach seinen Stärken, vielleicht auch nach einem Hauch von Stärke."
Die pädagogisch Mitarbeitenden sind selbst erstaunt, wie viele Eigenschaften ihnen einfallen. "Nicht nachtragend, emphatisch, kommunikativ, klug, wissbegierig…" Es sprudelt nur so aus ihnen heraus. Die unterschiedlichen Erlebnisse und Berührungspunkte mit dem Jungen werden deutlich. Sein Profil wird immer komplexer. Eigene Emotionen im Umgang mit ihm werden erkannt. "Es braucht Reflexion und innere Ruhe, für die im Kita-Alltag oft kein Raum ist, um das wahrzunehmen", sagt Halbrügge-Schneider. "Um ihm dann signalisieren zu können: So wie du bist, bist du richtig."
An den zwei Tagen der Inhouse-Schulung des Caritasverbandes für die Diözese Münster gibt es viele solcher Erkenntnisse. Dass dies in einer solchen Intensität geschehen kann, ist die Idee des Angebotes. Denn die fundierte fachliche Auseinandersetzung zu verschiedenen Themen innerhalb einer Mitarbeiterschaft ist außergewöhnlich. In Team-Besprechungen ist dafür kaum Platz, in kleineren Runden fehlen Einschätzungen von Mitarbeitenden.
"Dadurch kann es zu unterschiedlichen Bewertungen von Situationen kommen", sagt Andrea Kapusta. "Es gibt dann nicht immer ein gleiches Verständnis von Sachverhalten, eine Einordnung in ein gemeinsames Konzept wird schwierig." Die Referentin für Fort- und Weiterbildung des Diözesancaritasverband sieht in der gemeinsamen Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Themen des Kita-Alltags die Chance, fachlich geleitet einheitliche Positionen für eine tragfähige Zusammenarbeit zu finden. "Das ist besonders wichtig, wenn in den Teams größere inhaltliche Unterschiede bestehen."
Der Rahmen des Inhouse-Formats bringt dafür viele Vorteile, sagt Kapusta. "Das Einzugsgebiet der Einrichtung ist dasselbe - die Teilnehmenden können Lebenswelten und -situationen gut einschätzen." Die Vertrautheit im Team schaffe zudem die Möglichkeit zu einer besonderen Offenheit. "Und die Reflexion des fachlichen Hintergrunds mit konkreten Beispielen aus dem Alltag birgt die Chance, verschiedene Einschätzungen der Beteiligten zu berücksichtigen."
Das erlebt auch Frido Vogel an diesem Tag. Der Erzieher aus der St. Josef Kindertagesstätte in Nottuln-Appelhülsen erfährt, dass es "nicht theoretisch bleibt, sondern auch die emotionale Sicht zum Tragen kommt". "Der Aha-Effekt ist dabei groß - ich erkenne mich in den besprochenen Reaktionen wieder." Das führt für ihn auch zu einem verstärkten Gefühl des Zusammenhalts und der Solidarität unter den Kollegen.
Der Caritasverband für die Diözese Münster übernimmt die komplette Organisation der Veranstaltungen. In den Planungen sind auch die thematischen Absprachen, der Einsatz der Referenten und die inhaltliche Nachbetrachtung enthalten. Kontakt: Andrea Kapusta, Tel. 0251 8901-337, Mail: kapusta@caritas-muenster.de
Von Recke bis Recklinghausen, von Emmerich bis Lengerich - die Caritas im Bistum Münster ist für Menschen in Notsituationen da. Ob Jung oder Alt, Alleinstehend oder Großfamilie, mit Behinderung oder Migrationshintergrund, körperlicher oder psychischer Erkrankung. Unter dem Motto "Not sehen und handeln" sind 80.000 hauptamtliche Mitarbeitende und 30.000 Ehrenamtliche rund um die Uhr im Einsatz. Für die Hilfe vor Ort sorgen 25 örtliche Caritasverbände, 18 Fachverbände des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) und 3 des SKM - Katholischer Verein für Soziale Dienste. Hinzu kommen 57 Kliniken, rund 150 Einrichtungen der Behindertenhilfe, 205 Altenheime, 95 ambulante Dienste, 115 Tagespflegen, 27 Pflegeschulen, 89 Kindertageseinrichtungen und 22 stationäre Einrichtungen der Erziehungshilfe. Über 6.200 Teilnehmende nutzen jährlich die 350 Fort- und Weiterbildungsangebote des Diözesancaritasverbands.