Jonas Vorderwülbecke hofft auf konkrete Einigungen für ein Schutzkonzept, das Bildungseinrichtungen der Pflege- und Gesundheitsberufe berücksichtigt.Julian Eilers, Caritasverband für die Diözese Münster
Leider werden Vorsichtsmaßnahmen und Hilfsstrategien in dieser Frage immer wichtiger: Dem Thema Gewalt an Schulen wird mittlerweile mit einem Bündel an Konzepten begegnet, das Prävention, Krisenmanagement und bei erhöhten Risikosituationen konkrete Akut-Maßnahmen beinhaltet. Notwendig geworden ist dies durch ein stetig steigendes Gewaltpotential von Schülern etwa gegen Lehrkräfte oder Mitschüler. Allerdings: Von der wichtigen politischen und öffentlichen Unterstützung sind Bildungseinrichtungen der Pflege- und Gesundheitsberufe in Nordrhein-Westfalen ausgeschlossen. Während diese Rückendeckung in anderen Bundesländern selbstverständlich ist.
„Nicht nachvollziehbar“, kommentiert Kathrin Folz diese Situation. „Wir sind bei diesen Hilfsmaßnahmen außen vor.“ Mit „wir“ meint die Leiterin der Pflegeakademie in Datteln auch die 27 katholischen Pflegeschulen im Bistum Münster. Gewalt-Situationen in unterschiedlichen Formen machen aber um diese Ausbildungsorte keinen Bogen. „Wir sind keine Inseln der Glückseligkeit, an denen gesellschaftliche Entwicklungen vorbeifließen.“
Auch an ihrer Schule werden die Herausforderungen größer. „Verbal und körperlich“, sagt Folz. „Da hat sich bei den Auszubildenden in Sachen Respekt und Wertschätzung einiges geändert – gegenüber den Lehrkräften und untereinander.“ Sie beschreibt keinen Dauerzustand, aber doch ein Phänomen, das sich in unterschiedlichen Formen immer wieder zeigt. „Mobbing, Beschimpfungen, Drohungen…“ Sprache, Umgangsformen und Konfliktlösungen sind in diesen Momenten teils respektlos, wenig zielführend und erschreckend, sagt sie. „Da bleibt mir manchmal die Luft weg.“
Es bleibt nicht immer bei verletzenden Worten. „Grenzüberschreitendes Verhalten und Sachbeschädigung kommen vereinzelt vor.“ Sie beschreibt das Beispiel einer Demonstrations-Puppe für die Säuglingspflege, die massiv beschädigt wurde. „Das war Gewalt, mutwillig verübt, mit hohem Sachschaden.“
Prävention, Schutz und Aufarbeitung gehören deshalb fest zum Lehrplan ihrer Schule – mit unterschiedlichen Fortbildungen für Lehrkräfte, Deeskalationstraining und Präventionsschulungen für die Auszubildenden sowie konkreten Krisenkonzepten. Weitergehende Unterstützung von Seiten der Politik und zuständigen Ministerien? Fehlanzeige!
Genau das prangert das Positionspapier des Caritasverbandes für die Diözese Münster an. „Es muss eine Gleichbehandlung von Pflegeschulen mit allgemeinbildenden Schulen beim Zugang zu Schutz-, Krisen- und Notfallkonzepten geben“, fordert Jonas Vorderwülbecke. Der Referent für Pflege und Pflegeausbildung des Verbandes muss bereits auf eine zweijährige Diskussion mit dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen zurückblicken, die „trotz breiter Übereinstimmung über die Problemlage bis heute keine konkreten Ergebnisse“ gebracht haben.
Deshalb seien Pflegeschulen immer noch vom Zugang zu etablierten schulischen Schutzkonzepten, von Informationen und von polizeilichen Konflikt-Strategien ausgeschlossen. „Deutlich wird das etwa beim Notfallordner, der nicht zur Verfügung steht“, sagt Vorderwülbecke. „Im Ernstfall fehlen dann Hinweise zu Ansprechpartnern, Meldeketten oder Sofortmaßnahmen.“ Folz konkretisiert das für ihre Schule: „Wenn es bei uns zu einer Situation schwerer Gewalt käme, wären wir erst einmal auf uns allein gestellt und müssten selbst Wege finden, unsere Auszubildenden und Lehrkräfte zu schützen.“
Im Positionspapier wird deshalb gefordert, dass die politische Zuständigkeit schnell geregelt und eine verbindliche Aufnahme der Gesundheits- und Pflegeschulen in das Schutzkonzept realisiert wird. „Wir brauchen jetzt keine weiteren Ankündigungen, sondern eine konkrete Lösung“, sagt Vorderwülbecke. „Der Notfallordner muss endlich für alle zugänglich sein.“ Eine Forderung, die von weiteren Akteuren gemeinsam getragen wird. Unter anderem von einer Arbeitsgruppe, die sich mit den Rahmenbedingungen von guter Ausbildung in Nordrhein-Westfalen beschäftigt. Dazu zählen die Lindenburg Akademie der Uniklinik Köln, die Lucy-Romberg-Pflegeschulen der Arbeiterwohlfahrt Bezirksverband Westliches Westfalen sowie der Landesverband Nordrhein-Westfalen des Bundesverbandes Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe.
Von Recke bis Recklinghausen, von Emmerich bis Lengerich – die Caritas im Bistum Münster ist für Menschen in Notsituationen da. Ob Jung oder Alt, Alleinstehend oder Großfamilie, mit Behinderung oder Migrationshintergrund, körperlicher oder psychischer Erkrankung. Unter dem Motto „Not sehen und handeln“ sind 80.000 hauptamtliche Mitarbeitende und 30.000 Ehrenamtliche rund um die Uhr im Einsatz. Für die Hilfe vor Ort sorgen 25 örtliche Caritasverbände, 18 Fachverbände des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) und 3 des SKM – Katholischer Verein für Soziale Dienste. Hinzu kommen 57 Kliniken, rund 150 Einrichtungen der Behindertenhilfe, 205 Altenheime, 95 ambulante Dienste, 115 Tagespflegen, 27 Pflegeschulen, 89 Kindertageseinrichtungen und 22 stationäre Einrichtungen der Erziehungshilfe. Über 6.200 Teilnehmende nutzen jährlich die 350 Fort- und Weiterbildungsangebote des Diözesancaritasverbands.