Diözesancaritasdirektor Dominique Hopfenzitz und der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Prof. Dr. Georg Cremer (v.l.).Carolin Kronenburg / Caritasverband für die Diözese Münster
Etwa ein Drittel der Wirtschaftsleistung gehe in den Sozialstaat, der über einen langen Zeitraum kontinuierlich ausgebaut worden sei. Die Herausforderung liege angesichts vielschichtiger aktueller Krisen darin, nicht weiter auf Expansion, sondern auf eine kluge Weiterentwicklung zu setzen.
Als zentral nannte der Ökonom dabei die Bekämpfung verdeckter Armut, mehr Fairness für den unteren Rand der Mitte, einen Sozialstaat, der weniger komplex und bürgerfreundlicher ist, sowie eine stärkere Orientierung der Sozialpolitik am Leitbild der Befähigung. Zudem müssten Bildungs- und Sozialsystem so verzahnt werden, dass auch Kinder und Jugendliche aus sogenannten bildungsfernen Familien die Voraussetzungen für eine gute berufliche Zukunft erlangten.
In seinem Vortrag forderte Prof. Cremer dazu auf, die Position der Wohlfahrtsverbände um die Dimension der Prioritätensetzung zu erweitern. Wenn Sozial- und Wohlfahrtsverbände nicht im Abseits stehen, sondern weiterhin politischen Einfluss nehmen wollten, müssten sie offen für Abwägungen und Alternativen sein. Nur, wenn die Caritas bewusst nach ihren Prioritäten entscheide, könnten diese auch von der Politik berücksichtigt werden.
Besorgt zeigte sich Cremer über die stark polarisierte Reformdebatte in Deutschland. Diese führe zu Erwartungen, der keine Sozialpolitik genügen könne. Der Niedergangsdiskurs verfestige den Eindruck, die Politik würde sich nicht um die Belange der Bevölkerung kümmern. "Das kann das Vertrauen in das demokratische System weiter schwächen." Zielführender sei eine rationaler geführte, weniger polarisierende Reformdebatte.
Zentral für die Caritas im Bistum Münster sei es, im Gespräch mit der Politik Maßnahmen für eine gelingende Justierung des Sozialstaats zu entwickeln, betonte auch Diözesancaritasdirektor Dominique Hopfenzitz. "Wir müssen unser Profil als Wohlfahrtsverband stärker schärfen und uns bewusster machen, welche Funktion wir im Sozialstaat eigentlich erfüllen." Die Caritas sei nicht nur Anbieterin sozialer Leistungen, sondern zunehmend auch Vermittlerin zwischen sozialer Wirklichkeit, Politik, Verwaltung und Finanzierungssystemen.
Das Eintreten für die vielfältigen Sorgen und Ansprüche benachteiligter Menschen bleibe dabei zentrale Aufgabe der Wohlfahrtsverbände. Zugleich brauche die Sicherung eines gerechten und verlässlichen Sozialstaats eine faktenbasierte, differenzierte und systemische Debatte - auch nach innen. Dazu gehöre auch die Frage, warum die Perspektive der Freien Wohlfahrtspflege in zentralen Reform- und Expertenkommissionen häufig nur unzureichend vertreten sei.
Von Recke bis Recklinghausen, von Emmerich bis Lengerich - die Caritas im Bistum Münster ist für Menschen in Notsituationen da. Ob Jung oder Alt, Alleinstehend oder Großfamilie, mit Behinderung oder Migrationshintergrund, körperlicher oder psychischer Erkrankung. Unter dem Motto "Not sehen und handeln" sind 80.000 hauptamtliche Mitarbeitende und 30.000 Ehrenamtliche rund um die Uhr im Einsatz. Für die Hilfe vor Ort sorgen 25 örtliche Caritasverbände, 18 Fachverbände des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) und 3 des SKM - Katholischer Verein für Soziale Dienste. Hinzu kommen 57 Kliniken, rund 150 Einrichtungen der Behindertenhilfe, 205 Altenheime, 95 ambulante Dienste, 115 Tagespflegen, 27 Pflegeschulen, 89 Kindertageseinrichtungen und 22 stationäre Einrichtungen der Erziehungshilfe. Über 6.200 Teilnehmende nutzen jährlich die 350 Fort- und Weiterbildungsangebote des Diözesancaritasverbands.