Christin Heitkötter zeigt viel Eigeninitiative, um bei neuen Suchtformen Hilfen anzupassen.Michael Bönte/Caritasverband für die Diözese Münster
Der junge Mann, der in die Suchtberatungsstelle der Caritas in Münster kam, berichtete Christin Heitkötter von einem Suchtmittel, dessen Namen sie noch nie gehört hatte: "Kratom". Ein Begriff, der weder der Suchtberaterin und -therapeutin noch ihren Kollegen bekannt war. Sie musste erst recherchieren, sich einlesen, Kontakte in ihrem Netzwerk suchen, bis sie wusste, wie die Blätter der Pflanze aus Südostasien wirken und welches Potential der Abhängigkeit sie besitzen.
Ein Beispiel, das zeigt, wie oft sie in ihrer Arbeit mit neuen Phänomenen und unbekannten Hintergründen konfrontiert ist, sagt sie. "Auch wenn der Grundmechanismus einer Suchterkrankung immer ähnlich ist, so ergeben sich mit neuen Suchtmitteln immer auch neue Konsummuster, Trigger und Formen des Suchtdrucks." Ein einfaches Übertragen von etablierten Beratungs- und Therapiekonzepten sei deshalb nur bedingt möglich. "Ich kann nicht mit meinem einmal erworbenen Grundwissen die Entwicklungen bis zu meiner Rente bespielen."
Es muss stetige Weiterbildungen geben, Austausch mit anderen Beratern möglich sein, Raum für Supervision gegeben werden, sagt Heitkötter. "Da wünsche ich mir, dass es uns weiterhin ermöglicht wird, am Ball zu bleiben." Viel Eigeninitiative und eine intensive Unterstützung durch die Politik und Kostenträger sind gefragt, um dem gerecht zu werden. Denn die Mittel, die aus der öffentlichen Hand kommen, sind knapp.
"Seit 2009 sind die Zuwendungen des Landes NRW nicht erhöht worden", sagt Angelika Schels-Bernards, Referentin für Suchthilfe der Caritasverbände für das Bistum Münster und das Erzbistum Köln. Mit Blick auf die Inflation komme das "einer faktischen Kürzung von etwa 30 Prozent gleich." Für die 130 Suchtberatungsstellen in NRW hat das einen Fachkräftemangel zur Folge - auch durch fehlende Gelder für Aus- und Weiterbildung.
Schels-Bernards weiß, dass die Beratenden dieser Situation mit viel Herzblut entgegenwirken. Und das von Anfang an: "Die Sozialpädagogen und Sozialarbeiter zeigen das bereits in der intensiven Zusatzausbildung für diesen Bereich." Drei- bis vier Jahre, berufsbelgleitend, denn im vorangegangenen Studium ist die Suchtberatung lediglich eins von vielen Themen. "Die Herausforderungen, die dann warten, sind dagegen vielseitig, weil die Ratsuchenden mit Belastungen aus vielen unterschiedlichen Bereichen kommen - aus ihren Familien, aus ihren gesundheitlichen Dispositionen, von ihren Arbeitsplätzen, aus Partnerschaften…"
Die fehlenden finanziellen Möglichkeiten sieht Schels-Bernards im Widerspruch zur dynamischen Entwicklung bei den Suchterkrankungen. "Bei den Drogentoten gab es in den vergangenen Jahren traurige Negativrekorde, NRW ist mit 709 im Jahr 2025 unter den Bundesländern leider Spitzenreiter."
Auch die zunehmenden Drogenszenen im öffentlichen Raum machen eine weitere Dynamik aus, die in den kommenden Jahren große Herausforderungen mit sich bringen werden. "Jede Woche kommen 18 bis 20 neue Substanzen auf den Drogenmarkt." Und auch bei den Verhaltenssüchten ist die Entwicklung besorgniserregend. "So schnell, wie sich die digitale Welt entwickelt, entwickeln sich auch neue Suchtformen." Gerade in den Bereichen Glücksspiel oder Pornografie werden Zugänge niederschwelliger und Mechanismen immer mehr suchtfördernd.
Auch Christin Heitkötter sieht einen alarmierenden Zusammenhang. "Persönliche Lebenskrisen werden oft versucht durch Drogenkonsum zu bewältigen", sagt sie. "Diese Krisen werden in Zeiten politischer, finanzieller und sozialer Unsicherheiten mehr." Ein Anstieg jener Menschen, die zu Suchtmitteln greifen, sei damit wahrscheinlich.
Umso entscheidender ist es für sie, die aktuellen Strukturen der Suchthilfe zu stärken und auszubauen. Die Angebote der Caritas gehen dabei vermehrt dahin, wo die Probleme existieren und sichtbar sind: Suchthilfezentren in den Innenstädten entlasten damit auch den öffentlichen Raum. Neben der finanziellen Absicherung der Hilfsangebote sei dafür ein anderer Blick der gesamten Gesellschaft auf die Situation Erkrankter wichtig. "Sucht wird immer noch stark stigmatisiert, weil dabei oft eine Willensschwäche unterstellt wird." Sie als Krankheit anzuerkennen, die behandelt werden kann und muss, um einem Menschen im Leben zu halten, sei Grundvoraussetzung für die wertschätzende Arbeit der Suchtberatung.
Von Recke bis Recklinghausen, von Emmerich bis Lengerich - die Caritas im Bistum Münster ist für Menschen in Notsituationen da. Ob Jung oder Alt, Alleinstehend oder Großfamilie, mit Behinderung oder Migrationshintergrund, körperlicher oder psychischer Erkrankung. Unter dem Motto "Not sehen und handeln" sind 80.000 hauptamtliche Mitarbeitende und 30.000 Ehrenamtliche rund um die Uhr im Einsatz. Für die Hilfe vor Ort sorgen 25 örtliche Caritasverbände, 18 Fachverbände des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) und 3 des SKM - Katholischer Verein für Soziale Dienste. Hinzu kommen 57 Kliniken, rund 150 Einrichtungen der Behindertenhilfe, 205 Altenheime, 95 ambulante Dienste, 115 Tagespflegen, 27 Pflegeschulen, 89 Kindertageseinrichtungen und 22 stationäre Einrichtungen der Erziehungshilfe. Über 6.200 Teilnehmende nutzen jährlich die 350 Fort- und Weiterbildungsangebote des Diözesancaritasverbands.